Diplomarbeit
Erfahrungen von Frauen mit Menstruationsbeschwerden, die an einem besonderen Bewegungsprogramm verbunden mit Gesprächen teilgenommen haben.
1. Gruppensitzung vom 07.01.1984
Frau P. Zum Thema "Leistung": "Ich mache da einen Unterschied. Bei einigen Frauen spüre ich eine Freude an ihrem Körper, aber häufig habe ich das Gefühl, daß Frauen ihre weiblichen Attribute einsetzen, um dadurch bevorzugt zu werden. Das macht mich unheimlich wütend. Ich denke da auch an die Aerobic-Welle, ich frage mich, wozu machen sie das überhaupt, wenn nicht, um sich später gegenseitig vorzumachen, ach, die eine kann sich tiefer bücken als die andere, die eine kann das rechte Bein länger hochhalten, wenn's d'rauf ankommt. Sie machen es, um sich gegenseitig auszustechen.
Ich habe soviel Spaß an dieser Gruppe, weil ich hier nicht ein Gefühl von Konkurrenz habe. Wir sind hier zusammen, und doch macht jede Frau für sich individuelle Erfahrungen, nicht, um einem Mann gegenüber besser zu sein. Das sind die Dinge, die mich sonst an Frauen stören."
Frau P.: "Am ersten Abend bin ich davon ausgegangen, daß ich sportlich gar keinen Ehrgeiz habe, daß ich mich nicht anstrengen kann, um etwas zu erlernen. Ich hatte heute Schwierigkeiten, weil ich mich dann immer so ärgere. Ich denke, warum bist du eigentlich nicht besser. Gleich etwas zu können ohne Anstrengung, ohne zu trainieren, entweder gleich oder gar nicht, das hat mich schon früher als Kind bestimmt, wenn es um Sport ging. Es bereitet mir keine Schwierigkeiten, mich in die Bewegungen und in die Musik einzufühlen, aber ich bin einfach zu steif, körperlich untrainiert. Ich ärgere mich über mich selbst. Ohne Anstrengung gibt es halt nichts. Es gibt viele Dinge, die ich gar nicht können möchte. Aber gerade wenn ich des Gefühl habe, es handelt sich hier um etwas, das mir entspricht, das mir Spaß macht, ärgere ich mich über meine Unbeweglichkeit. Ich habe noch keinen Spaß an meinem Körper."
Frau P. über die Beziehung zu ihrem Körper: "Ich finde das so bezeichnend, ich habe das Gefühl, meine Füße, die sitzen noch ganz fest auf dem Boden und oben drückt es mich auch noc, gut, und so ein kleiner "Schiselaveng" mit der Hüfte, der geht gerade noch, aber ich möchte es wirklich besser können, einfach weil es mir Spaß macht."
Frau P.: "Ja Ich bin unheimlich ungeduldig. Ich bin nicht böse, wenn ich die anderen tanzen sehe, daß ich denke, hier habe ich meinen Platz, sondern ich bin auf dieses Ding (Anmerkung: Mit dem Ausdruck "Ding" bezeichnet Frau P. ihren Körper.) böse, das es einfach nicht so geht, wie ich denke, daß es aussehen müßte. Ich spüre sogar, wie es sich anfühlen müßte, bloß das Ding geht nicht. Ich habe körperlich sehr hart gearbeitet und bin in den Händen unheimlich steif. Ich finde es toll, wenn Leute ihre Hände können. Ich weiß, wie es sein müßte, ich machen müßte, bloß es geht halt nicht."
Frau P. zu ihrem Bild: "Das Grün im oberen Bereich drückt für mich Hoffnung aus. Ansonsten zeigen diese dicken braunen Linien an, daß es mich sehr nach unten zieht, und eine gewisse Starrheit ist vorhanden. Die blauen Linien, von meiner Hüfte ausstrahlend, zeigen, daß sich die Hüfte schon ein wenig traut. Die Farben blau, grün und braun gefallen mir gut zusammen. Schon als Kind." (Anmerkungen: Für die Bilder, die Frau P. im Anschluß an die beiden ersten Sitzungen gezeichnet hat, verwendete sie die genannten Farben. In den Zeichnungen der folgenden drei Sitzungen dominieren die Farben rot und violett.)
Frau P.: "Für mich ist sehr wichtig, daß andere mit hier sind, dann vergesse ich eher meine Ungeduld. Wenn ich mich auf die anderen konzentrieren kann und sehe, daß sie Schwierigkeiten haben mit ihrem Können oder anderen Dingen, dann ermutigt mich das. Ich habe Schwierigkeiten, mich nur mit mir ganz alleine zu beschäftigen."
Frau P.: "Im Sport gibt es Bereiche, in denen ich große Sehnsüchte habe. Da ist einmal das Skilaufen, wo ich jedes Mal anfange zu heulen, weil ich es nicht kann und weil ich da sage, ich will es nicht lernen, weil ich es als Kind konnte. Mein Vater hat mich hängen lassen, er hat mich nie eingeladen. Meine Eltern waren geschieden. Mein Vater sagte,.daß Mädchen braucht halt nichts, "der Burl, der darf halt skifahren", das ist das eine. Ich sage mir, ich denke gar nicht daran, mich auf so kleine Dinger zu stellen und in einen Kursus zu gehen. Ich will das so können wie Abfahrtsläufer oder gar nicht. Als Kind hatte ich diese Ziele und habe jeden Abend trainiert. Mir fällt es schwer, Disziplin und Gleichmäßigkeit aufzubringen, wenn es um Können geht. Ich kann mir genau vorstellen, daß ich durch das Können viel mehr Spaß haben kann, aber der Weg dahin ist mir lästig."
Frau P.: "Meine Erziehung sagt mir eher, also Spaß an deinem Körper haben, nun komm, dafür ist der nun nicht da. Du hast deine Kinder gekriegt und du hast sie großgezogen, also nun, der Spaß, der muß ja nun nicht unbedingt sein und dann noch mit anderen Frauen und dann noch als Raumgesetz, und das in deinem Alter. (Anmerkungen: 1) Bei dieser Schilderung erlebe ich eine deutliche Veränderung in der Stimme von Frau P. Aufgrund der Artikulation und der Stimmlage assoziiere ich die "gestrenge Mutter" mit dem erhobenen Zeigefinger als eine moralische Instanz.) Aber das erlebe ich hier überhaupt nicht, daß ich wegen meines Alters verunsichert bin."
Frau P.: "Ich spüre jetzt sogar ein bißchen Ehrgeiz, ich habe mir vorgenommen, zu Hause für mich ein wenig zu üben. Wenn ich dann kleine Erfolge spüre, dann geht es weiter. Ich fühle mich durch die Erfahrungen, die ich heute mit mir gemacht habe, nicht deprimiert."
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