Diplomarbeit

Erfahrungen von Frauen mit Menstruationsbeschwerden, die an einem besonderen Bewegungsprogramm verbunden mit Gesprächen teilgenommen haben.

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2. Rückschlüsse für die Praxis

Bei der Durchführung der Gruppe habe ich über die Körperübungen Erfahrungen gesammelt, die mir bei der theoretischen Planung der Untersuchung nicht bewußt waren. Für einen Menschen, der sich nicht beeinträchtigt fühlt, bedeuten die Tanzelemente zunächst ungewohnte Bewegungsabläufe, die er erlernen muß. Innerhalb dieses Lernprozesses kann er an seine individuellen Grenzen stoßen. Mit Ausdauer und durch Übung kann er seine Schwierigkeiten bewältigen und sich an seinen Fortschritten erfreuen. Ich hatte nicht bedacht, daß das Erlernen der Bewegungen, die einem westlichen Menschen fremd sind, für einen Menschen, der sich körperlich und seelisch beeinträchtigt fühlt, zu Beginn bedeuten kann, erneut mit seinen Schwächen konfrontiert zu werden. Er wird sich minderwertig fühlen.

Wenn dieser Mensch nicht genügend Vertrauen hat, seine Gefühle in der Gruppe anzusprechen, ist sogar eine Verschlechterung seiner körperlichen Befindlichkeit zu erwarten.

Ein körperlich und seelisch beeinträchtigter Mensch kann so stark mit seinen Unzulänglichkeiten beschäftigt sein, daß seine Wahrnehmungsfähigkeit für positive Veränderungen nicht sensibel ist. Ein Mensch, der nicht offen ist für Erfahrungen von Innen und Außen, ist in seiner Lern - und Aufnahmefähigkeit behindert. Er wird sich durch die neuen Bewegungen überfordert fühlen.

Die Gespräche und Kommentare der Teilnehmerinnen zeigen, wie wenig Vertrauen sie zu ihrem Körper haben. Er ist ihnen fremd, sie verstehen sehr wenig von seinen inneren Vorgängen. Möglicherweise haben die hier vorgestellten Bewegungen die Frauen zu direkt an ihre Körperlichkeit herangeführt. Es bedeutet für die Frauen eine neue Erfahrung, Freude an ihrem Körper zu entdecken. Andererseits spüren sie auch verstärkt ihre Hemmungen und Ängste, die sie belasten.

Die Körperübungen konfrontieren die Frauen mit unangenehmen Gefühlen, ihren Verspannungen, ihrer Unbeweglichkeit. Je sensibler und aufmerksamer sie sich ihrem Körper zuwenden, desto stärker nehmen sie auch seine Mängel wahr. Es erfordert einen langen Weg und viel Vertrauen zum eigenen Selbst, auch die eigenen Unfertigkeiten anzunehmen.

Durch die Bewegungen können die Teilnehmerinnen auch bedrohliche Gefühle, Trauer, Wut empfunden haben. Möglicherweise waren sie durch diese Empfindungen verunsichert, sodass sie sie noch nicht ausdrücken konnten.

Die Untersuchung hat gezeigt, daß die Gespräche im Anschluß an die Körperübungen sehr wichtig und hilfreich waren. Wir sind nicht damit vertraut, unsere Schwierigkeiten auf der körperlichen Ebene zu lösen. Eine körperliche Entspannung ist zunächst das Spüren momentanen Wohlbefindens. Ein lange mit sich herumgetragenes Problem endlich ausgesprochen zu haben, hat eine längerfristige Auswirkung auf die seelische Gesundheit.

Vor allem das Gespräch über die Menstruation hat mir verdeutlicht, wie wichtig es ist, sich in einem offenen Gespräch wiederzufinden. Ich halte einen Erfahrungsaustausch für heilsam, weil ich von der Voraussetzung ausgehe, daß Hemmungen und Ängste, die ausgedrückt werden können, nicht somatisiert werden müssen.

Ich bin der Meinnung, daß diese Gespräche über die Menstruation schon sehr früh stattfinden könnten. Ich könnte mir bereits für Mädchen in der Pubertät im Rahmen der "Aufkläung" einen Kursus als Vorbereitung auf die Periode, vorstellen, in dem individuelle Erlebnisse und Empfindungen genauso stark berücksichtigt werden wie eine Erklärung der biologisch-physiologischen Veränderungen.

Aus den Erfahrungen in der Gruppe und den Ergebnissen aus den Fragebögen lassen sich über die therapeutische Wirksamkeit des in dieser Untersuchung vorgestellten Bewegungsprogrammes folgende Rückschlüsse ziehen:

Gespräche über die Menstruation in einer Gruppe von Frauen beinhalten bereits eine intensive Form der Auseinandersetzung mit den individuellen körperlichen Beschwerden.

Frauen mit Menstruationsbeschwerden sollten zunächst die Möglichkeit haben, im Rahmen einer "personenzentrierten Gesprächsgruppe" vermehrt in sich hineinzuhorchen und sich gegenüber ihren inneren Erfahrungen sowie den Erfahrungen, die von außen an sie herangetragen werden, zu öffnen.

Aus den Beobachtungen in der Gruppe läßt sich ableiten, daß sich die Körperübungen zu stark auf den Bereich, in dem die Störung entwickelt wurde, konzentrierten. Es wäre möglicherweise sinnvoller gewesen, weniger gezielt anzusetzen, sondern die Frauen erst einmal an eine Entspannung ihres gesamten Körpers oder von Bereichen, die sie nicht als besonders verspannt erlebten, heran zuführen, z.B. durch Yogaübungen.

Für die Körperübungen konnte in dieser Untersuchung nicht nachgewiesen werden, daß sie die therapeutische Hilfe bedeutsam unterstützen.

Sie stellen ein Angebot dar, sich gegenüber unserer Kultur fremden Bewegungen zu öffnen und zu spüren, wie diese Bewegungen körperlich und seelisch empfunden werden.

Die Erfahrungen mit den Bewegungen müßten unabhängig von Gesprächen über einen längeren Zeitraum mit Personen, die sich zur Zeit körperlich und seelisch nicht belastet fühlen, festgehalten werden. Wie wirken die Bewegungselemente auf die allgemeine körperliche und seelische Befindlichkeit?

Erst dann bietet es sich an, gezieltere Fragestellungen und Hypothesen zu den Bewegungen zu formulieren.

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