Diplomarbeit
Erfahrungen von Frauen mit Menstruationsbeschwerden, die an einem besonderen Bewegungsprogramm verbunden mit Gesprächen teilgenommen haben.
3.1 Dritte Sitzung vom 21.01.1984
"Ich habe meine Menstruation dargestellt. Das Schwarze, das sind für mich Wände, Mauern, die jedoch nicht starr sind, sondern sich winden bei der Menstruation. Sie winden sich wie Wellen, aber sie sind auch hart. In mir ist ganz viel, das hinaus möchte. Die Wände geben zwar nach, aber noch nicht genug, so daß es hinaus kann. Wenn ich meine Menstruation bekomme, bin ich ganz mit mir beschäftigt. Ich habe kaum noch Raum für andere Dinge, so stark bin ich mit ihr konfrontiert. Meine letzte Periode, die ich gestern bekommen habe, ist sehr intensiv, obwohl ich sie nicht als unerträglich empfinde.
Wenn meine Blutung richtig durchkommt, dann ist sie normal stark. Ich habe meine Menstruation gezeichnet, wie ich sie erlebe, wenn sie noch nicht richtig durchgekommen ist. Es kann bis zu fünf Tagen dauern, bis die Periode da ist. Seit einem halben Jahr habe ich Vorblutungen. Dann bin ich eigentlich schon fünf Tage, bevor es richtig losgeht, mit meiner Menstruation konfrontiert. Ich habe dann leichte Blutungen und Krämpfe. Das sind die schlimmsten Tage für mich, dann fühle ich mich aufgebläht. Dann hasse ich meinen Körper, weil er mir solche Unannehmlichkeiten bereitet, alles ist geschwollen. Ich fühle mich dreimal so dick, wie ich wirklich bin, als wäre ich eine Tonne. Dabei bin ich das doch gar nicht.
Alles sperrt sich dagegen, daß das Blut abfließen kann. Es ist ein Kampf, es gibt viel Blut, das abfließen möchte. Ich bin dann sehr müde, ich fühle mich krank. Ich lege mich ins Bett, sage alle Verabredungen ab, dann geht es mir meist etwas besser. Ich friere sehr leicht, habe richtiggehend Schüttelfrost, mache mir eine Wärmflasche. Alle Dinge kann ich aber nur in der Einsamkeit für mich tun. Ich muß mir ganz viel Ruhe gönnen, mich auf mich zurückziehen. Dann geht es mir irgendwann besser. Alleinsein ist für mich wichtig.
Durch das Tanzen bin ich körperlich sensibler geworden. Ich spüre meine Menstruation wie eine Wunde. Beim Tanzen habe ich meine Verspannungen gespürt, vor allem bei den Beckenkreisen. Es müssen Verspannungen sein, weil ich organisch gesund bin. Mein Beckenbereich fühlt sich sehr hart an, als bestünde er aus mehreren Schichten. Die innerste Schicht ist besonders hart. Die Kreisbewegungen tuen mir aber gut."
R.: "Ich kann dein Bild nicht gut sehen. Es drückt für mich Ausweglosigkeit aus."
Re.: "Das finde ich nicht. Ich habe die Hoffnung, meine Verspannungen zu lösen."
A.: "Ich finde, daß ein Teil deiner Beschreibung aggressiv klingt. Ein anderer Teil sehnt sich nach Wärme und Entspannung."
Re.: "Ja das stimmt, das sind Gegensätze, die drücken. Durch meinen Rückzug auf mich alleine Beschwerden ja nicht behoben. Es ist eine Linderung. Mein Problem bleibt und das hat etwas mit Aggression zu tun. Ich spüre es auch psychisch. Ich bin bereits Tage vorher unheimlich gereizt. Ich kann bei Kleinigkeiten sehr ärgerlich werden. Ich habe Probleme damit, meine Wut auszudrücken, oder ich werde dann schnell zu heftig. Deshalb ziehe ich mich in die Einsamkeit zurück. Im Grunde bin ich furchtbar gereizt."
A.:' "Hast du Angst, daß du diese Gereiztheit niemandem zumuten kannst?"
Re.: "Ich habe große Angst, daß die Anderen es mir zurückzahlen."
A.: "Wie war denn deine erste Periode?"
Re.: "Ich hatte schon sehr früh Beschwerden. Die Beschwerden wurden dann immer schlimmer, vor allem mit achtzehn während der Schulzeit."
A.: "Ist die Menstruation für dich etwas Negatives?"
Re.: "Ja weil sie mir so viele Beschwerden macht. Außerdem habe ich dann keinen Appetit und mir ist leicht übel. Meine Schmerzen strahlen bis in die Beine. Die Kraft, die auch in mir ist, ist jetzt destruktiv, ich spüre es an meiner Gereiztheit. Ich könnte jedem eins drüber geben. Ich glaube, daß es mir besser gehn würde, wenn ich wild um mich rumschlagen könnte." (Anmerkung: Bei diesen Worten lacht Re..)
A.: "In der ersten Sitzung hast du gesagt, daß du deinen Beckenbereich als Klotz empfindest. Deine Menstruation läßt dich dein Becken ziemlich intensiv wahrnehmen, aber nicht aufbauend."
Re.: "Der Beckenbereich ist für mich beängstigend. Die Menstruation ist mir unheimlich. Ich habe das Gefühl, da hat irgendetwas Gewalt über mich, das ich nicht bestimmen kann. Ich kann gar nichts machen, wenn die Krämpfe losgehen. Ich bin dem ausgeliefert. Das finde ich scheußlich und es macht mir Angst. Ich wollte früher schon keine Frau sein. Ich wollte auch nie ein Kind haben. Ich wollte ein Mann werden, keine Frau. Die Frage nach der Mutterschaft ist für mich ein viel heißeres Thema als zum Beispiel Sexualität."
A.: "Bei deiner Schilderung von wellenartigen Bewegungen denke ich an Wehen."
Re.: "So stelle ich es mir auch vor, wenn man Wehen hat. Ich muß mich dann auch total krümmen und könnte laut schreien. Vielleicht sind Wehen auch noch viel schlimmer."
Ae.: "Ich kenne das auch. Ich hatte auch diese Probleme. Jetzt ist es zum Glück nicht mehr so schlimm. Ich habe meine Tage gestern bekommen. Das war ein tolles Erlebnis. Vier Stunden bin ich damit beschäftigt, bis die Menstruation da ist, ich habe auch Krämpfe. Je nachdem, was ich sonst noch für Probleme habe oder wie ich ansonsten angespannt bin, sind die Krämpfe mal schwächer, mal stärker. Ich sage mir, okay, für vier Stunden bist du nicht zu gebrauchen, danach kannst du wieder etwas machen. Als ich gestern verabredet war, habe ich gesagt, daß ich meine Tage bekomme und daß ich mal sehen müßte, wie es mir geht. Ich merkte ein Ziehen im Rücken. Ich hatte auch Erwartungen, weil ich jetzt diese Gruppe mit euch mache. Ich dachte, wie wird es dieses Mal sein? Ich dachte, "jetzt hast du große Erwartungen und verspannst dich erst recht". Das hat mich geärgert. Dann bekam ich Krämpfe und habe versucht, mich bewußt zu entspannen. Ich nehme mir dann sehr viel Zeit für mich. Gestern hatte ich zwar Bauchweh, aber ich konnte mich freier bewegen als sonst, ich war nicht verkrampft und das war sehr schön. Ich spüre, daß mein Bauch weicher geworden ist.
Ich kann jetzt eher mit meiner Menstruation umgehen. Ich wollte immer ein kleines Mädchen bleiben. Das Wort "Frau" war für mich ein Reizwort. Es bedeutete "fertig", danach kommt nichts mehr. Du hast nichts mehr zu erwarten. Ich wollte, daß mich jemand an die Hand nimmt, wenn ich ein Mädchen bin. In den letzten Wochen habe ich zunehmend selber angefangen, mein Legen in die Hand zu nehmen. Ich genieße es mittlerweile richtig, eine Frau zu sein. Ich sehe hier einen Zusammenhang, parallel dazu habe ich nicht mehr so große Schwierigkeiten mit meiner Regel.
Seit einem Jahr messe ich meine Temperatur und benutze ein Diaphragma Ich finde es toll, meinen Zyklus aufzumalen und zu sehen, wie funktioniert das. Seit einiger Zeit spüre ich auch meinen Eisprung. Ich finde das sehr faszinierend. Ich habe nicht das Gefühl, "es kommt so über mich". Ich habe eher das Gefühl, "ich kenne mich". Vorher hatte ich die Pille genommen, um keine Schmerzen zu haben."
Re.: "Deshalb habe ich sie früher auch genommen, nehme sie aber seit acht Jahren nicht mehr. Wenn ich meinen Eisprung habe, spüre ich einen leichten Schmerz, aber den kann ich gut annehmen. Vom fünften Tag meiner Periode an bis zum Eisprung geht es mir prima Obwohl mir der Eisprung den Hinweis gibt, jetzt geht es bald wieder los. Dann habe ich ein paar Tage Ruhe, bis die ersten Beschwerden kommen. Ich spüre sehr viel von meinem Zyklus, aber nicht in angenehmer Weise.
Wenn ich meinen Eisprung habe und kurz vor der Menstruation" verspüre ich ein stärkeres sexuelles Verlangen. Ein gewisses Maß an Sexualität kann ich gut für mich annehmen, aber das Verlangen wird dann sehr viel heftiger. Ich versuche, es zu unterdrücken. Während der Menstruation habe ich meine stärksten sexuellen Erlebnisse. Manchmal sind meine Schmerzen dann weg.
Es wird für mich immer wichtiger, meine Beschwerden ernst zu nehmen. Früher dachte ich immer, "es sind noch so und soviel Tage, dann ist es vorbei. Das mußt du nun mal ertragen." Im Moment erlebe ich die Schmerzen heftiger, aber das liegt vielleicht daran, daß ich mich ihnen zur Zeit verstärkt widme und daher auch mehr wahrnehme.
Die Menstruation erinnert mich an die Möglichkeit, ein Kind zu bekommen und dann denke ich, "wenn ich jetzt kein Kind will, ist die ganze Geschichte umsonst.". Wenn ich ehrlich bin, will ich auch nicht viel geben. Ich gebe zwar öfters, aber nur, weil ich mir sage, daß ich geben muß. Ich bin Klavierlehrerin und merke, daß ich besonders an den Tagen, an denen ich meine Menstruation habe, ungern Schüler empfange. Ich habe eher ein gespanntes Verhältnis dazu, mich in den Unterricht einzugeben, aber dann ist es besonders extrem."
S.: "Ich erlebe meine Menstruation nicht in Wellen. Ich habe eher das Gefühl, daß es Knoten sind, der ganze Bauch ist eine Masse, die sich zusammendrückt. Ich kann nicht viel essen. Meine Oberschenkel verspannen sich. Das ist aber nur am ersten Tag so. Das kommt dann einfach so raus.
Ich bin unheimlich wütend, daß ich darauf keinen Einfluß habe. Meine Menstruation ist sehr unregelmäßig, sodaß ich mich gar nicht auf sie vorbereiten kann. Auf einmal ist es da ich weiß dann auch, was mich erwartet."
A.: "Wenn ich euch so reden höre, ich staune, mir geht es so, daß ich meinen Zyklus sehr genau beachten muß, ich vergesse grundsätzlich meine Menstruation. Sie ist verschwunden und plötzlich ist sie wieder da Wenn ich zum Frauenarzt gehe und er mir die Frage stellt, "Wann war ihre letzte Menstruation?", muß ich sagen, "Weiß ich nicht." Sie ist verschwunden, weg bis sie wiederkommt. Ich habe Beschwerden, ich fühle mich körperlich nicht gut. Ich fühle mich sehr schmutzig, ich habe oft das Bedürfnis, mich zu säubern, aber nach einer Stunde fühle ich mich wieder dreckig. Seit ich mich dieser Gruppe angeschlossen habe, nehme ich das erst wahr. Vorher habe ich mir zum Thema Menstruation nie Gedanken gemacht. Dann wurde mir bewußt, da~ ich überhaupt keine Ahnung davon habe, was in mir vorgeht. Daß ich Beschwerden habe, habe ich nie registriert. Einen Eisprung spüre ich auch nicht. Ich fühle, daß ich zur Zeit des Eisprungs etwas Ausfluß habe. So einen direkten Kontakt zu meinem Körper, wie ihr ihn beschreibt, habe ich nicht.
Bevor meine Menstruation anfängt, brauche ich sehr viel menschliche Wärme, der Haushalt stört mich. Ich sitze morgens am Kaffeetisch und kriege mich nicht in die Gänge. Ich bin wie ein Kind. Man muß ganz lieb zu mir sein. Ich fühle mich nicht dazu fähig, in die Routine meines Tagesablaufes einzutreten.
Ich habe seit zwei Jahren die Spirale. Dadurch habe ich starke Krämpfe. Deshalb erschreckt es mich so, daß ich bisher immer behauptet habe, ich hätte keinerlei Probleme. Früher habe ich diese Krämpfe allerdings auch nicht gehabt.
Ich freue mich darüber, daß ich inzwischen für meinen Körper aufmerksamer geworden bin. Ich sehne mich auch nach einer anderen Verhütungsmethode. Als ich die Spirale eingesetzt bekam, spürte ich zum ersten Mal meine Gebärmutter.
Ich habe die Spirale nicht in mein Bild gezeichnet. Wenn ich mir meine Gebärmutter vorstelle, so stelle ich sie .mir als dunkle Höhle vor, wie einen Vulkan, in dem es arbeitet. Es ist ganz dunkel. Die Elemente sind beschäftigt. Es ist so dunkel; daß ich Schwierigkeiten habe, es mir genau vorzustellen. Es gibt kein Licht. Das Helle auf meinem Bild ist nur dazu da die Höhle deutlicher hervorzuheben. Ich habe ein Feuer gezeichnet. Wenn ich meine Blutung habe und diese sehr stark ist, habe ich ein Gef'ühl von Hitze, von Glut. Ob ich es als angenehm oder unangenehm empfinde, weiß ich gar nicht. Es ist einfach so. Das Blut ist so heiß. Ich leide aber nicht unter meiner Menstruation." ( Frau A. hat ihre Bilder leider nicht zur Veröffentlichung frei gegeben.)
M.: "Ich bin mit meiner Verhütungsmethode auch nicht zufrieden. Ich nehme seit ungefähr zehn Jahren ohne Unterbrechung die Pille. Sie ist für mich die sicherste Verhütungsmethode und ich habe sehr große Angst davor, schwanger zu werden. Meine Mutter ist mit sechzehn schwanger geworden und hat mich immer gewarnt. Ich habe aber seit zwei Monaten Schmerzen in den Waden, ich deute das als erste Anzeichen von Venenentzündungen. Deshalb möchte ich die Pille absetzen. Ich lebe aber noch in der starken Angst, schwanger zu werden. Solange ich keine Nebenwirkungen der Pille spürte, konnte ich sie trotz ihrer Künstlichkeit in mein Leben integrieren. Ich habe jahrelang nie darüber nachgedacht. Ich habe gelesen, da.ß man möglicherweise Kontaktlinsen nicht so gut verträgt. Ich habe dann auch harte Kontaktlinsen bekommen. So war das nun mal, abends kamen die Kontaktlinsen raus, die Pille eben rein. Ich war immer froh, daß ich nicht schwanger werden konnte.
Meine Periode behindert mich nicht. Ich sehe blaßer aus und spüre auch leichte Krämpfe. Ich kann trotzdem alles machen. Ich sehe diese Vorgänge als natürlich an."
A.: "Inzwischen ist es für mich natürlich geworden, zu bemerken, daß es mir mal nicht so gut geht, daß ich sehr liebebedürftig bin. Ich empfinde es als Gewinn, daß ich es als selbstverständlich annehmen kann, daß es Zeiten gibt, in denen ich nicht wie auf Knopfdruck funktioniere."
M.: "Ich fühle mich verletzt, wenn mein Freund zu mir sagt, "na dir geht es wohl heute nicht so gut. Hast du wieder deine Tage ?
An.: "Mein Vater sagte früher immer, "bist du unpäßlich?".Er meinte das als Scherz, aber ich war wütend auf ihn."
Ae.: "Ich finde, daß wir lernen müssen, uns ernst zu nehmen. I Wir müssen gut für uns sorgen."
B.: "Für mich ist das alles unmöglich. Ich kann mir gar nicht leisten, ein paar Stunden im Bett zu liegen.' Ich muß jeden Tag funktionieren.
Wenn ich meine Menstruation habe, geht es mir blendend. Ich könnte die ganze Zeit tanzen. Drei bis vier Tage vor der Menstruation fühle ich mich auch eher gereizt, ein wenig stachelig. Nach außen zeige ich meine Gereiztheit nicht, denn da ist meine Arbeit, dem Partner wische ich schon mal eins aus, auf der verbalen Ebene.
Ein Problem in unserer Ehe ist, daß wir sexuell sehr wenig aufeinander zugehen. Wenn ich sage, daß wir uns alle sechs Wochen auf der sexuellen Ebene begegnen, so ist das für mich ein unzumutbarer Zustand. Wir haben bereits lange Gespräche geführt, "woran liegt das?" Diese Situation. macht mich sehr traurig und ich sage mir, "so kann es nicht weitergehen". Ich sehe da im Moment keinen Ausweg. Ich weiß, daß mein Partner sich selbst befriedigt. Er sagt, er sei zu erschöpft, um noch die Energie zu haben, mit mir zusammen zu sein. Ich fühle mich sehr verletzt.
Durch unsere Arbeit sind wir beide so eingespannt, daß die Attraktivität füreinander verloren geht. Manchmal werde ich meinem Partner gegenüber sehr hart, "so wohlhabend bist du nicht, daß du es dir leisten kannst, nicht mehr mit deiner Frau zu schlafen.". Ich weiß, daß ich ihn damit noch mehr unter Druck setze. Wenn ich traurig bin, gehe ich in die Stadt und kaufe mir teure Dinge, die ich mir gar nicht leisten kann.
Ich fühle mich auch in meiner Weiblichkeit gekränkt. Ich bemühe mich, für meinen Mann attraktiv zu sein. Ich bin nicht der verführerische Vamp in Netzstrümpfen, aber ich habe mir erhofft, durch das Tanzen mehr Selbstbewußtsein zu entwickeln. Ich möchte mich selbst gerne anschauen können, damit der Andere mich auch anziehend findet. Mich selbst zu pflegen, um mich hübsch zu finden, ist eine Form der Bestätigung, die ich brauche. Im Moment fühle ich mich in einem Kreislauf gefangen, aus dem ich nicht ausbrechen kann."
A.: "Ihr seid richtig an euren Betrieb verkauft?"
B.: "Ich habe meinem Mann auch schon vorgeschlagen, gemeinsam eine Therapie zu machen oder einen Erfahrungsaustausch mit anderen Geschäftsleuten zu suchen, einfach, um nicht mehr mit diesem Problem so alleine dazustehen. In unserem Tagesablauf ist keine Zeit für Spontaität, es gibt zu viele Pflichten. Wenn wir abends zu Bett gehen, haben wir häufig zum ersten Mal wirklich Zeit füreinander. Wenn dann der Partner zu erschöpft ist, kann ich das vom Verstand zwar nachvollziehen, aber gefühlsmäßig bin ich wütend und verletzt."
A.: "Der Anstoß, etwas zu unternehmen, kommt von dir?"
B.: "Mein Mann sagt eher, diese Durststrecke muß überstanden werden, aber mir dauert es zu lange. Es gibt kurze Momente, in denen wir uns sehr nahe sind und zärtlich miteinander, aber diese Zärtlichkeiten gehen nicht weiter. Ich habe meinem Mann gesagt, "du kannst nicht von mir verlangen, daß ich über Jahre so abstinent lebe".
A.: "Ich kenne das von mir auch. Wenn ich sehr viel Streß um mich habe, kann ich zum Partner zärtlich sein, aber um Lust zu erleben, habe ich nicht die Energie."
B.: "Ich glaube, ich habe mehr Kräfte, den Beruf zu verarbeiten als mein Partner."
A.: "Vielleicht tust du mehr für dich?"
B.: "Ich glaube schon. Aber ich kann hier über meine Situation zwar reden, erst einmal komme ich aus ihr nicht heraus. Kurz vor der Menstruation sehne ich mich sehr nach Zärtlichkeit, aber die bekomme ich in diesem Moment häufig nicht. Ich empfinde unsere Lage als recht aussichtslos."
Ae.: "Ich könnte mir vorstellen, daß du gerade dadurch, daß du sehr viel für dich tust, noch trauriger bist, weil dir die Situation noch klarer wird und du erst mal hinnehmen mußt, daß sie sich noch nicht ändern wird."
B.: "Ich denke auch viel über mich nach. Wenn es zum Beispiel zu einer sexuellen Situation kommt, bin ich in der Anfangsphase unheimlich passiv, ich lasse mich am liebsten erst einmal verwöhnen. Wenn dann ein bestimmtes Stimulansbarometer da ist, kann ich aktiv werden. Für meinen Mann ist das nicht leicht, er würde sich wünschen, daß ich aktiver bin. Das ist schwer. Ich stelle mir natürlich auch die Frage, "willst du mal ein Kind?". Dabei ist für mich jedoch eine ausgewogene Sexualität eine notwendige Voraussetzung. Ich möchte nicht zufällig schwanger werden. Seit ich meinen Mann kennen lernte, habe ich die Pille abgesetzt. Ich habe sie dann noch einmal für ein Jahr genommen, weil ich neben meiner Ehe noch eine sexuelle Beziehung zu einem Mann hatte. Ich wollte damals auf keinen Fall schwanger werden. Ich habe meinem Mann von dieser Beziehung erzählt, aber er wollte davon nichts wissen. Nachdem ich mich von dem anderen Mann getrennt hatte, habe ich die Pille wieder abgesetzt, auch aus gesundheitlichen Gründen, weil ich zu Wasser im Körper neige. Seitdem benutze ich diese Zäpfchengeschichte.
Für mich ist es das kleinere übel in einer Situation, in der man zusammen sein möchte, zehn Minuten zu warten, als meinen Körper täglich mit einem Medikament zu belasten. Man könnte ja in diesen zehn Minuten zärtlich miteinander sein. Ich weiß aber, daß mein Mann sich mit dieser Sache unwohl fühlt. Was mich ganz traurig macht, ist, daß ich bei allen Männern, mit denen ich so zusammen war, spürte, daß ihnen das Streicheln anschließend nicht so wichtig ist. Mein Mann und ich wissen voneinander, wie die Sexualität für beide befriedigend sein könnte, aber wir können unsere Wünsche nicht verwirklichen."
G.: "Ich glaube, daß deine Entwicklung deinen Mann herausfordern kann und eurer Beziehung neue Impulse gibt. Aber ich verstehe auch, daß es nicht .leicht für dich ist, denn du bist erst mal alleine."
B.: "Meinem Mann fällt es schwer, sich fallen zu lassen. Überhaupt ist er sehr verschlossen und zeigt selten seine Gefühle. Ich halte ihn für einen Verstandesmenschen.
Aber dieses Gespräch hat mir doch Mut gemacht, auch alleine etwas für uns zu tun. Jetzt muß ich erst mal tief durchatmen. Ich fürchte mich davor, einsam zu sein, aber es ist ein Weg."
R.: "Ich hatte vor vier Monaten eine Abtreibung. Seitdem hat sich meine Einstellung zu meiner Regel verändert. Früher dachte ich, "das ist so". Heute empfinde ich meine Menstruation als Erleichterung, als Gewißheit, nicht schwanger zu sein. Mich stört, daß mein Zyklus so unregelmäßig ist, daß ich nicht sicher verhüten kann. Außerdem ist er sehr lang, 35 Tage."
Re.: "Ich habe auch furchtbare Angst vor Empfängnis. Deshalb schlafe ich auch so wenig mit Männern, obwohl ich im Grunde so viel Lust hätte. Die Gefahr, schwanger zu werden, ist mir zu groß. Ich habe das Gefühl, daß ich keinen Einfluß darauf habe, Mutter zu sein."
M.: "Als ich dich zum ersten Mal sah, dachte ich rein vom Äußerlichen, daß du gut Mutter sein könntest."
Re.: "Das haben mir schon oft Leute gesagt, die mich nicht kennen. Ich habe ja auch sehr häufig einen Eisprung. Meine Familie hat auch, als ich achtzehn war, die Erwartung an mich gestellt, Mutter zu werden. Ich habe erlebt, wie sich meine Mutter im Verlauf der Ehe, ich glaube vor allem durch die Mutterschaft, sehr verändert hat. Sie wurde sehr passiv. Meine Mutter war eine sehr schöne Frau und sie hatte sehr viele künstlerische Fähigkeiten. Ich habe auf Photos gesehen, daß sie sich vor allem nach meiner Geburt sehr verändert hat. Sie ist stark gealtert und immer mehr abgestorben. Meine Mutter ist sehr krank, schon seit Jahren. Ihre Krankheit macht mich sehr betroffen.
Ich habe mich sehr früh gegen Mütterlichkeit gewehrt. Ich habe meine Mutter verachtet, ich habe nie mit Puppen gespielt. Bis vor drei Jahren habe ich nicht gekocht. Meine Mutter kann sehr gut kochen. Sie war unsere Sklavin. Sie hat sich für uns völlig aufgegeben. Ich habe Angst, daß ich auch absterbe, wenn ich einmal Mutter werde."
R.: "Als ich schwanger war, dachte ich, "ich muß mich jetzt entscheiden, entweder für das Kind oder für mich". Ich möchte keine Hausfrau sein, deshalb habe ich für mich auch einen männlichen Beruf gewählt."
An.: "Ich habe Angst vor den körperlichen Veränderungen, die sich mit der Schwangerschaft einstellen. Damit hat es bei meiner Mutter nämlich angefangen. Sie berichtet mir heute, daß sie sich während der Schwangerschaft unförmig fand. Ihre Zähne seien schlecht geworden, sie habe Krampfadern bekommen. Es ging ihr sehr schlecht und sie hat während der ganzen Schwangerschaft ein dunkelblaues Kleid getragen. Ein dunkelblaues Kleid assoziiere ich mit einer Schwesterntracht. Meine Mutter ist sehr katholisch erzogen, sie hat zum Schrecken der Familie einen zehn Jahre älteren und dazu noch evangelischen Mann geheiratet. Sie war damals einundzwanzig. Ich denke, daß sie dieses Kleid trug, um sich noch etwas von dem wohlerzogenen jungen Mädchen zu bewahren. Ich wurde 1959, in einem glühendheißen Sommer geboren, in dem die Farbe dunkelblau eher unpraktisch war.
Ich denke mir, wenn ich einmal schwanger werde, muß ich sehr gut für mich sorgen. Dabei muß mir auch mein Partner helfen, indem er mir zum Beispiel sagt, daß er mich noch immer anziehend findet. Ich möchte für meinen Partner nicht die werdende Mutter sein, die für ihn als Frau sexuell tabu ist.
Zur Zeit fühle ich mich wie in einem Eisschrank, weil ich seit über fünf Monaten keine Periode mehr habe. Darüber bin ich sehr traurig, mir fehlt etwas. Ich komme mir vor wie im Dornröschenschlaf und warte wohl auf den Prinzen, der mich erlöst."
Re.: "Kannst du dir erklären, warum deine Periode weg ist?"
An.: "Ich glaube, das hängt mit meinem jetzigen Partner zusammen. Er ist mir schon seit Monaten sehr fremd. Ich mag auch keine sexuellen Kontakte mit ihm haben. Keine Periode zu haben, ist für mich eine Art Verweigerung. Ich weiß, daß mein jetziger Zustand meinem Partner Angst macht. Er hat einmal zu mir gesagt, eine Frau, die keine Periode bekommt, sei für ihn keine richtige Frau.
Ich fühle mich zur Zeit nervlich stark beansprucht. Mein Freund trägt zu meiner inneren Unruhe noch zusätzlich bei. Ich möchte mich gerne von ihm trennen, habe aber noch nicht die Kraft, mich vollkommen zu lösen. Die Frau, zu der er mich formen möchte, gefällt mir nicht. Ich möchte, daß ein Partner mich so akzeptiert, wie ich bin.
Er ist der erste Mann für mich, deshalb ist es so schwierig. Früher hatte ich große Angst, als "alte Jungfer" zu sterben. Heute weiß ich, daß ich lieber alleine leben möchte, als mich an der Seite eines Mannes einsam zu fühlen. Noch besitze ich nicht besonders viel Zutrauen zu meiner Fähigkeit, mich auch ohne den Partner stark zu fühlen.
Ich weiß, daß diese Stärke langsam wachsen muß. Mit meiner Menstruation möchte ich auch geduldig sein, ich nehme keine Medikamente. Ich bin organisch gesund. Ich bin mir sicher, daß meine Periode wiederkommen wird, wenn ich persönlich mehr Ruhe gewönnen habe. Ich habe darüber auch mit meinem Frauenarzt gesprochen. Er teilt diese Meinung.
Es tut mir gut, diese Dinge einmal angesprochen zu haben. Ich glaube, es hilft mir im Moment jedoch nicht, jetzt noch weiterhin darüber zu reden. Ich brauche einfach viel Zeit."
weiter: Vierte Sitzung vom 28.01.1984
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