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Bauchtanz - Tanz der Liebe
Als ich die Spiritualität meines Körpers entdeckte
von Anette Paffrath
Sich zu lieben, war ein Ausdruck schöpferischer Kraft und wurde gefeiert. "Im Verborgenen meiner Seele spürte ich ja den Wunsch, zu genießen und mich erotisch zu bewegen." Viele Frauen, die ihr Becken festhalten, haben auch Angst, sich zu öffnen.
Ursprünglich war er ein Fruchtbarkeits- und Geburtstanz, man feierte in ihm die weiblichen Kräfte, doch im Lauf de Zeit verkam er zum Unterhaltungs- und Animiertanz – der Bauchtanz oder "Orientalische Tanz". Viele Westeuropäerinnen entdecken heute die heilende Wirkung seiner Beckenbewegungen und fangen allmählich an, es zu genießen, sich erotisch zu bewegen, ohne Angst zu haben, es könnte obszön anmuten. Viele Frauen wünschen sich, dass auch Männer zu diesem archaischen Tanz zurückfinden und entdecken, dass er Teil des Liebesrituals ist.
Eine ganze Reihe archäologischer Quellen weisen darauf hin, dass Bauchtanz oder Tänze, in denen das Becken eine wichtige Bedeutung hat, zu den ältesten Tänzen der Menschheit gehören.
Noch bevor es Abbildungen in Form von Felsmalereien gab, suchte der Mensch in Musik und Tanz eine Möglichkeit, sich zu erleben und sich auszudrücken. Bei religiösen Festen strebte er einen Zustand der Trance und der Ich-Auflösung an. Flöten und Glockenspiele aus Knochen sowie Trommeln aus Mammuthaut waren die ersten Musikinstrumente.
Felsmalereien aus der Jungsteinzeit in Zentralafrika, circa 7.000 v. Chr. zeigen stark stilisierte Frauen, die eindeutig ihr Becken schwingen, während sie die Arme elegant über den Kopf heben. Bewegungen, die auch heute im Bauchtanz vorkommen.[1]
Eros, die schöpferische Kraft
Der Bauchtanz wird im Arabischen "raqs scharqi" ("Orientalischer Tanz") genannt. Ursprünglich ist der Bauchtanz ein Fruchtbarkeits- und Geburtstanz. Seine Wurzeln liegen in einer Zeit, in der die Menschen das Weibliche verehrten. So wie die großen Mutter- und Fruchtbarkeitsgöttinnen galt auch die Frau als Hüterin des Wachstums der Pflanzen und der Tiere. Die Menschen fühlten sich mit den Elementen verbunden. Sie schätzten die Astrologie und respektierten den Einfluss des Mondes auf das Wachstum und die Rhythmen der Natur.
Die rituellen Feste im Tempel der Göttin Ishtar, 3.000 v. Chr. Babylon, sollten den Menschen helfen, ihre Fähigkeit zur Hingabe an ein größeres Ganzes zu entwickeln. Der Kult der "Großen Göttin" verbreitete sich rasch im gesamten Vorderen Orient. Bei dem Fest des "Hieros Gamos", der heiligen Hochzeit, ging es um die Feier der göttlichen Vermählung, aus der das Universum entstanden ist. Im Frühjahr vermählt sich die Göttin mit ihrem Sohn und Geliebten Tammuz, einem Vegetationsgott, und leitet einen neuen Wachstumszyklus ein.
Bei diesem Fest wurde getanzt, und es war wichtig, dass Männer und Frauen einander begegneten, um die schöpferischen Energien der Göttin zu unterstützen. In der sexuellen Verbindung schenkte der Mann seine Zeugungskraft und die Frau ihre Fruchtbarkeit der Göttin. "Sich zu lieben", war ein Ausdruck schöpferischer Kraft und wurde gefeiert. Die sexuelle Hingabe beider Geschlechter war eine spirituell religiöse Handlung und bedeutete auch die Überwindung egoistischer Interessen.
Abwertung
In den so genannten "archaischen" Kulturen wird mit dem Becken getanzt, damit die Menschen sich erden, die Verbindung zu dem Element spüren, aus dem sie gekommen sind. Wenn Bauch und Becken gut durchblutet sind, entsteht ein warmes und wohliges Gefühl. Dieses Gefühl von Wohlfühlen in der eigenen Haut ist die beste Vorraussetzung, einem anderen Menschen offen und angstfrei zu begegnen.
Die Gruppe unterstützt den Einzelnen, seine Gefühle und Energien fließen zu lassen. Tanz und ein gutes Körpergefühl sind auch in unserer Kultur eine wichtige Vorraussetzung für die Begegnung. Häufig müssen wir uns aber die Bewusstheit über unsere Bewegungen erst wieder erarbeiten.
Vielen Westeuropäerinnen fällt es schwer, ihr Becken zu entspannen und zu schwingen, ohne ihre Bewegungen zu bewerten, mit Sätzen wie etwa: "Ob das nicht nuttig wirkt?" Allzu fest sitzen die Konditionierungen wie: "Ein anständiges Mädchen macht das nicht", "Schäm dich", "Halte dich unter Kontrolle, zeige deine Lust nicht", "Das ist doch obszön".
Wie im Film?
Als meine Tochter einer Klassenkameradin erzählte, dass ihre Mutter Bauchtanz macht und dass sie selbst Bauchtanz gut findet, sagte diese: "Ach, das kenne ich, das ist Tanzen mit Popowackeln." Das dachte ich auch, als ich den Bauchtanz nur aus der Perspektive der Zuschauerin kannte und bevor ich die Bewegungen selbst kennen lernte. Ich kannte den Bauchtanz aus Filmen wie "Der Tiger von Eschnapur". Ich war zu der Zeit zehn Jahre alt und wusste nicht recht, ob ich die Bewegungen gut oder schlecht fand. Ich fand sie exotisch. Da sich aber niemand in meinem Umfeld so frei bewegte, dachte ich, dass das nur etwas für den Film ist. Ich hielt es für einen Tanz mit Popowackeln, und es war mir klar, dass das normale Menschen nicht machen.
Kontakt zum Becken
Viele Jahre später wurde mir erst bewusst, dass das Geheimnis der Anmut und Grazie der Bewegungen in der gut geerdeten Grundposition liegt. Dies gilt nicht nur für den Bauchtanz, sondern ebenso für den afrikanischen, den indischen Tanz oder die Tänze der Südsee.
Im Kontakt zu ihrem Becken erleben die meisten Westeuropäer im Verlaufe ihres Lebens so viele "Neins", dass sie diese Körperregion sehr früh verdrängen. In der Phase der Sauberkeitserziehung, in der sich Mädchen und Jungen zum ersten Mal bewusst mit der Muskulatur ihres Beckenbodens beschäftigen, gibt es meistens die ersten Konflikte. Dabei wäre es so wichtig, beides zu lernen, die Anspannung und die Entspannung des Schließmuskels. Stattdessen werden viele Kinder früh dazu angehalten, festzuhalten, und nur dafür gelobt.
Sandra ist ein Beispiel für eine Frau, die den Kontakt zu ihrem Becken verloren hatte. Sie litt unter chronischen Blasenentzündungen. In der Phase der Sauberkeitserziehung wurde sie daraufhin "konditioniert", dass sie von der Mutter nur dann wahrgenommen und gelobt wurde, wenn sie den Urin stundenlang anhielt. Dann sagte die Mutter stolz: "Was bist du doch für ein großes Mädchen."
Wenn Sandra tanzen wollte oder laut sang, wurde dieses Verhalten von der Mutter sofort negativ bewertet: "Schäm dich! Sei ruhig!" In der sexuellen Begegnung hielt Sandra ihr Becken fest, weil sie Sorge hatte, dass sie Urin verlieren könnte, wenn sie sich fallen ließe.
Langsames Beckenkreisen und Körperreisen in das Becken unterstützten Sandra, ihre Blockaden und Ängste sehr deutlich wahrzunehmen. Sie fand heraus, dass sie sich auf der Toilette nicht genügend entspannte, so dass sich ihre Blase entleeren konnte. Sie hatte dadurch ständig, das Gefühl von Harndrang und wusste nicht, ob sie ihrer Körperempfindung trauen konnte. Durch die Tanzbewegungen nahm Sandra ihren Körper wieder als kraftvoll und lustvoll wahr. Die wachsende Beweglichkeit im Becken, ermutigte sie, sich im Alltag auch mehr Bewegungen aus dem Becken heraus zu erlauben. Es wurde ihr bewusst, wie gerne sie als kleines Mädchen wild und ungestüm war. Sandra nahm ihr Becken nicht mehr als Tabuzone war und spielte aus Spaß mit ihrem Urinstrahl, hielt ihn zwischendurch an, entspannte wieder. Ihre Blasenbeschwerden verloren sich und in ihrer Sexualität wurde sie aktiver und freier.
Heilende Kräfte
Ich selbst entdeckte den Bauchtanz auf der Suche nach einer geeigneten Hilfe für meine Menstruationsbeschwerden. Ich litt seit meiner ersten Periode unter starken Blutungen und Bauchkrämpfen. Auf dem Hintergrund meiner katholischen Sozialisation war mein Becken ein Tabubereich und über die Regelblutung wurde einfach nicht gesprochen. Über Atemübungen und Yoga spürte ich zwar eine zunehmende Entspannung im Becken, aber mir fehlte eine positive Verbindung zu meiner Weiblichkeit und zu meiner Sinnlichkeit.
Im Frauentherapiebuch "Getting Clear" (Verlag Frauenoffensive, leider vergriffen) las ich einen Artikel der Tänzerin Morocco über Bauchtanz als Geburtstanz und als Tanz für ein neues weibliches Selbstbewusstsein. Ich war sofort von den Bewegungen überzeugt: Sie würden mir helfen, meinen Körper zu lockern. Im Verborgenen meiner Seele spürte ich ja den Wunsch, zu genießen und mich erotisch zu bewegen. Ich traute mich nur nicht.
Meine positiven Erfahrungen mit Bauchtanz ermutigten mich, in meiner Diplomarbeit die heilende Wirkung der Grundbewegungen des Bauchtanzes bei Menstruationsbeschwerden zu untersuchen.
Erdung
Durch die Bewegungen des Bauchtanzes werden die Körperbereiche der Frau gestärkt, in denen ihre Kraft liegt. In der Grundposition, die mit der erdenden Haltung in der Bioenergetik identisch ist, erleben wir die Verbindung zur Erde und die Kraft unserer Beine und des Beckenbodens.
Das Beckenkreisen oder Beckenwippen entspannt den Lendenwirbelbereich und fördert eine vertiefte Atmung in das Becken. Im Bauch entsteht ein Gefühl von Wärme. Wenn wir uns wieder trauen, den Po, das Becken und den Bauch pulsieren oder auch vibrieren zu lassen, spüren wir wieder unsere natürliche Lebendigkeit.
Die Erdung im Tanz ist eine wichtige Voraussetzung für die Isolationsbewegungen: Wenn wir im Becken ruhig und entspannt sind, lassen sich Becken und Oberkörper gut voneinander isolieren. Ein typischer Beweis für Verspannungen im Becken von Anfängerinnen ist die Tatsache, dass sie das Becken nicht bewegen können, ohne dass sich der Oberkörper dabei verdreht.
Das Kreisen und die Wellenbewegungen des Brustkorbes öffnen den Raum über dem Herzen. Der Brustkorb hebt sich und die Haltung der Wirbelsäule wird stolz und anmutig. Viele Frauen, die ihr Becken festhalten und sich nicht öffnen können, haben auch Angst ihre Liebe und ihr Herz zu zeigen. Frauen, die sich sexuell nicht fallen lassen können, spüren körperlich ihre Angst im Solarplexus und ziehen ihren Brustkorb nach innen. Dadurch entsteht ein Rundrücken, wird der Brustraum eng. Diese Verspannungen können soweit gehen, dass es zu Herzrhythmusstörungen und Schmerzen in der Brust kommt. Gerade im Oberkörper halten viele Frauen stark fest, so dass es länger dauert, bis sie wieder geschmeidig und biegsam werden.
Die Bewegungen des Bauchtanzes stärken das Basischakra, das zweite Chakra und das Herzchakra. Für die Spiritualität unseres Körpers ist der Bauchtanz heilend. Er bringt Frauen, aber natürlich auch Männer wieder in den Kontakt mit der ursprünglichen Erfahrung, dass das sinnlich sexuelle Erleben, keine isolierte Erfahrung ist. Sie ist mit der Liebe und Freude im Herzen verbunden.
Die Zukunftsvision
In dem Maße, in dem patriarchalische Werte sich durchsetzten und die Kraft der Weiblichkeit immer mehr abgewertet wurde, veränderte sich die Bedeutung des Bauchtanzes als religiöser Tanz. Er wurde zu einem gesellschaftlichen Unterhaltungs- und Animiertanz. Die Körperfeindlichkeit des Christentums sowie die viktorianische Prüderie verfestigten die Spaltung zwischen den Geschlechtern und die Entfremdung vom Körper.
Viele Frauen in meiner Praxis, beklagen sich darüber, dass die meisten Männer nicht tanzen möchten. Viele Männer scheuen sich, sich sinnlich und weich zu bewegen. Sie fürchten sich davor, als unmännlich abgewertet zu werden. In der sexuellen Begegnung ist es aber wichtig, dass auch der Mann einen guten Kontakt zu seinem Becken hat und sich den Energien der gemeinsamen Bewegung einfühlsam anpasst. Bauchtanz wird so Teil eines Liebesrituals, in dem sich die erotischen Kräfte von Frau und Mann begegnen.
Es ist eine schöne Zukunftsvision, dass mehr Männer ihren Weg zum Bauchtanz finden würden, dann könnte er auch in unserer Kultur seine spirituelle Bedeutung zurückgewinnen.
- [1] Vergleiche hierzu Joseph Campbell: Mythologie der Urvölker, dtv, München 1996!
